Insekten

Was für eine Diskussion diese Woche bei Bauer Willi! Das Insektensterben erhitzt die Gemüter. Da werden die unterschiedlichsten Standpunkte vertreten, aber alle reden miteinander. Das ist großes Kino, der lebendige Dialog dient der Verständigung und der Wahrheitsfindung. Viel anregender und kultivierter als die ewigen Talkshows im Staatsfunk.

Verzeihung – Staatsfunk soll man nicht sagen, meint ein Intendant des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, das sei “AfD-Sprech”. Nun, Bauer Willi lebt jedenfalls nicht von Zwangsbeiträgen. Und, lieber Intendant, hinsichtlich der Insekten und der ungeliebten neuen Partei im Bundestag halten wir es mit Goethe, eine lästige Laus im Pelz kann manchem gar nicht schaden:

Die Flöhe und die Wanzen gehören auch zum Ganzen.

Bei Bauer Willi kommen alle zu Wort: Viele glauben oder ahnen etwas, wenige wissen etwas; vieles kann man auch gar nicht wissen, weil man es schlichtweg nicht ermessen, begreifen oder beurteilen kann. Die unterschiedlichsten Meinungen, Motive und Interessen prallen aufeinander, bei Bauer Willi wie im Leben der großen und kleinen Völker. Manche wollen die Welt retten, andere wollen in Saus und Braus leben oder einfach ihre Familie ernähren und den Betrieb erhalten.

Was siehst Du den Dorn im Auge Deines Nächsten, aber nicht den Balken in Deinem eigenen?

Der Einzelne kann sich in seinem Umfeld Mühe geben. Bei Bauer Willi treffen sich Einzelne, die sich Gedanken und Mühe machen. Als Gesellschaft oder Staat aber handeln Menschen weder vorausschauend noch verantwortungsvoll. Und doch war die Menschheit trotz Kurzsichtigkeit und Leichtsinn in der Evolution erfolgreicher als jede andere Tierart – allerdings nur auf der Kurzstrecke. Gut möglich, dass auf lange Sicht die Insekten das Rennen machen werden. Sie könnten den homo sapiens überleben und auf dem verwüsteten und geplünderten Planeten sehr schnell wieder von vorne beginnen. Für Küchenschaben ein Kinderspiel…

Wer von Euch ohne Schuld ist, der werfe den ersten Stein.

Die Landwirtschaft ist nicht unschuldig, aber sie ist nicht schuld am Weltuntergang. Den haben wir alle zu verantworten, weil wir uns alle nicht an die zehn Gebote halten und nichts mehr von Todsünden wissen wollen. Jeder möchte gerne die Hände in Unschuld waschen und die Verantwortung bei anderen suchen. Die Schuldfrage ist aber gar nicht relevant, denn es handelt sich um ein Verhängnis, zu dem jeder sein Scherflein beiträgt.

Das Verhängnis hat seine Ursache in der Natur des Menschen.

Das Paradies mussten wir verlassen, weil wir vom Baum der Erkenntnis genascht haben. Prometheus wurde von den Göttern dafür bestraft, dass er den Menschen das Feuer gebracht hatte. Seit Jahrtausenden gebraucht der Mensch seinen Verstand um seine Macht auszudehnen, an die Fleischtöpfe zu gelangen oder in der Rangordnung nach oben zu kommen. Die offene Gesellschaft verstärkt diesen Wettbewerb. Einsicht, Verzicht oder Genügsamkeit gelten nur als Tugenden, solange von einer gottgegebenen, natürlichen Ordnung ausgegangen wird, in die man sich einzufügen hat.

Es ist alles schon gesagt, alles schon beschrieben worden. Von Zeit zu Zeit wird in Liedern daran erinnert: “Wir armen Menschenkinder sind eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel.” Aber wer hört oder kennt noch Lieder?

Die Apokalypse wurde schon vor zweitausend Jahren prophezeit. Untergangspropheten tun sich immer schwer mit einer genauen Zeitangabe für den Eintritt des Ereignisses. Die Drohung mit dem Weltuntergang hat seit mindestens dreihundert Jahren ihre disziplinierende Wirkung verloren. Ähnlich geht es heute den Crashpropheten: Schreckensmeldungen und Untergangsszenarien sind zwar verstörend, bestimmen aber nicht unser Handeln.

Wer will überhaupt zuhören und verstehen?

Platon beobachtete schon vor zweitausend Jahren den Untergang der Demokratie durch ein Übermaß an Freiheit. Schon damals meinte jeder, von jedem Fachgebiet etwas zu verstehen. Kennt man doch, oder? Die Eltern wissen es besser als die Lehrer, die Patienten sind klüger als die Ärzte, Gesellschaftswissenschaftler verstehen mehr von Energie und Thermodynamik als Ingenieure oder Naturwissenschaftler. NGO, Industrie und Verbraucher kennen sich bei Insekten, Pflanzen- oder Artenschutz besser aus als Landwirte oder Jäger. Entscheidungen und Weichenstellungen werden von Politikern getroffen, nicht von Fachleuten. Die Politik aber ergibt sich aus den zufälligen Mehrheiten mithilfe der Schwätzer, Besserwisser, Halbgebildeten und gedankenlosen Vollpfosten. Das war offenbar schon bei den alten Griechen so.

Sie fallen tief aus Gleichgewicht und Maß…

Das Verhängnis ist keine Frage von Staatsform oder Wirtschaftssystem; Gier, Habsucht, Machtlust und Eitelkeit gibt es überall. Die Weisen aller Völker wussten zu allen Zeiten, dass Hochmut vor dem Fall kommt und sich Übermut rächen wird. Man fürchtete die strafende Natur und respektierte die göttliche Ordnung.

Reformation, Aufklärung, Renaissance und Revolution beendeten das finstere Mittelalter, die alten Grenzen der göttlichen Ordnung wurden erst verschoben und im 20. Jahrhundert schließlich ganz über den Haufen geworfen. Der Fortschritt nahm Fahrt auf und wurde zum Selbstläufer, zum Religionsersatz. Die westlichen Kirchen haben sich angepasst, sie sind fortschrittlich geworden und haben einen wesentlichen Bestandteil ihrer alten Botschaft aufgegeben. Ihre Rolle als Fortschrittskritiker übernimmt nun der Islam. Das erstarkte Selbstbewusstsein dieser Fortschrittskritik wird uns durch die zunehmende Zahl von Kopftüchern auf unseren Straßen vor Augen geführt. Aber auch der sogenannte Populismus ist Ausdruck nachlassender Fortschrittseuphorie. Sobald es keine Wohlstandsgewinne mehr gibt, ist mit Fortschritt kein Staat mehr zu machen.

Sie nennen Fortschritt ihre Schneckenspuren…

Es wurde ja alles schon gesagt, vor zweitausend Jahren, in jedem Jahrhundert wiederholt von Dichtern und Denkern. Zuhören und verstehen: Besinnung wäre der außer Rand und Band geratenen Menschheit immer möglich gewesen, an der Gabe des Verstandes hat es nicht gefehlt. Aber das ist zu langweilig, manchmal auch zu mühsam und schmeckt oft zu moralinsauer.

Wenn das Kind erst im Brunnen liegt…

Nach Lage der Dinge wird das Treiben der Menschheit auch in Zukunft kurzsichtig und leichtsinnig bleiben. Sie wird nur vorübergehend aus Schaden klug. Dann begibt sie sich wieder auf Glatteis und hofft, dass es gutgehen und ihr wieder was einfallen wird. Der Einzelne kann an dieser Tragik nichts ändern. Er kann nur sein eigenes Leben und Handeln ändern. Jeder Landwirt kann das ihm anvertraute Stück Erde und seine Familie hüten. Das ist schon sehr viel, denn andere können allenfalls ihre Zunge hüten und sich an die eigene Nase fassen. Die Verantwortung für das große Ganze bleibt der Natur überlassen. Denn wer, ausser dem lieben Gott, könnte überhaupt solch einen Sack Flöhe hüten? Die Natur wird entscheiden, welches Geziefer übrigbleibt: Menschen oder Insekten oder beide.

Lieber Bauer Willi, das liest sich jetzt hier wie ein Wort zum Sonntag, ich bitte um Verzeihung. Möge uns der vergeben, dessen Reich nicht von dieser Welt ist. Denn wir wissen offenbar nicht, was wir tun!

siehe auch www.bauerwilli.com