Gute milch kostbar machen

Im Vorfeld von GrünerWoche und Bauerndemo in Berlin wird wieder über bäuerliche Landwirtschaft geredet. Das Spektrum der Meinungen reicht von romantisch-verklärten Vorstellungen mancher Verbraucher bis zur Behauptung der Profis, dass bäuerliche Landwirtschaft nicht mehr möglich ist. Man mag das bedauern, meint es aber nicht ändern zu können.

Und es wimmelt von Vorschlägen, mit welchen politischen Maßnahmen bäuerliche Landwirtschaft gefördert, erhalten oder ermöglicht werden sollte; an welche Auflagen Direktzahlungen gekoppelt werden sollten, wie die Politik mit weiteren Vorschriften, Verordnungen und Auflagen in Landwirtschaft und Tierhaltung eingreifen und wie die (bäuerliche) Landwirtschaft für die Mehrkosten dieser Eingriffe entschädigt werden sollte.

Merkt eigentlich niemand, dass wir so nur immer tiefer in den Sumpf geraten? Die Politik wird jede vorgeschlagene Intervention gerne aufgreifen, denn ihr wachsen damit neue Aufgaben zu. Je mehr Dirigismus, desto mehr muss hinterher wieder begradigt, ausgeglichen und umverteilt werden: jeder noch so gut gemeinte Eingriff schafft wieder neue Ungerechtigkeiten an anderer Stelle. So wie jede neue Technik zu unbeabsichtigten Nebenwirkungen und Folgen führt, die dann wieder mit neuem technischen Aufwand beseitigt werden müssen. So wird nicht die Landwirtschaft gefördert, sondern der Politikbetrieb und die Industrie am Laufen gehalten. Für die Bauern bleibt das Hamsterrad.

Es sind diese Interventions- und Technikspiralen, die nicht nur der bäuerlichen Landwirtschaft den Garaus bereiten. Gegen die Folgen verfehlter Politik und staatlicher Interventionen wird noch mehr Planwirtschaft gewiss nicht helfen.

Lieber mal das Geschäftsmodell überdenken?

Das Geschäftsmodell eines Industrielandes besteht darin, Energie und Rohstoffe möglichst billig zu importieren und Veredelungsprodukte so teuer wie möglich zu exportieren. So entsteht in einem rohstoffarmen Land gesellschaftlicher Reichtum, über dessen Verteilung man dann trefflich streiten kann. Deutschland importiert 75 % seines Primärenergiebedarfes und exportiert den Großteil seiner Wirtschaftsleistung.

Heimische Rohstoffe und Energieträger sind vergleichsweise teuer und nicht weltmarktfähig. Um nicht zu 100 % von Importen abhängig zu werden, muss dennoch eine Grundversorgung aus einheimischen Energiequellen gewährleistet bleiben. Den Kostennachteil hausgemachter Energie und Agrarrohstoffe versuchen EU und Nationalstaaten über Ausgleichszahlungen und Subventionen zu kompensieren.

Dieses System schafft – wie alle Subventionen – neue Ungerechtigkeiten, Benachteiligungen und Folgekosten, die dann mit noch mehr Regulierung wieder korrigiert werden sollen. Ein solches System kann nur immer bürokratischer und immer teurer werden. Je mehr im Binnenmarkt reguliert wird, desto größer wird der Subventionsbedarf. Mit Marktwirtschaft hat das schon lange nichts mehr zu tun, und paradoxerweise ist gerade in Deutschland das Vertrauen in marktwirtschaftliche Lösungen nicht besonders ausgeprägt.

Das alte Geschäftsmodell zielt darauf ab, sich ungehinderten, zollfreien Zugang zu billigen Rohstoffen zu verschaffen und im Gegenzug ungehinderten, zollfreien Marktzugang für Fertigprodukte zu fordern.

Dieses Konzept bildet die gesellschaftliche und politische Grundlage, die Deutschland und Europa reich gemacht hat. Noch läuft es wie geschmiert, die hochseetüchtige Exporttitanic steht seit zwei Generationen voll unter Dampf. Aber am Rumpf zeigen sich Ermüdungsrisse, die auch mit Schuldenbergen und Papiergeld nicht zu stopfen sind. Auf dem Ozean wird es allmählich eng. Eisberge und Untiefen, vor allem aber jede Menge neuer, schnellerer und noch größerer Dampfer, die den Weltmarkt und die Weltmeere leerfischen. Ganz zu schweigen von Plastikmüll und den atomgetriebenen Kriegsschiffen überall…

Die Völker merken oder ahnen, dass die globale Fahrt gefährlicher wird. Das Vertrauen in die Globalisierungskapitäne sinkt. Obendrein gehen auch noch die Treibstoffvorräte zur Neige. Die ersten Passagiere möchten die Rettungsboote klarmachen, aber ein besonders vorausschauender erster Offizier hat die Boote bereits zu Brennholz verarbeiten lassen. Andere wollen lieber den Kurs ändern, den nächsten Hafen anlaufen und sich an Land in Sicherheit bringen. Die meisten aber wollen einfach nur feiern und Spaß haben.

An Land gibt es immer noch zu essen und zu trinken. Dank einiger Bauern, denen hohe See, schnelles Geld und das neumodische Geschäftsmodell nicht geheuer waren. Lieber festen Boden unter den Füßen…

Bleibe im Lande und nähre Dich redlich.

Die Landwirtschaft sollte rechtzeitig von Bord gehen und der Industrie gute Reise wünschen. Die Geschäftsmodelle passen nicht zueinander. Landwirtschaft hat auf einem energiefressenden Handelsschiff nichts zu suchen, auch wenn ihr der Industriemoloch die Fahrt spendiert. Die Industrie braucht die Dumpingenergie, an der die Landwirtschaft erstickt. Aber nur die Landwirtschaft kann neue Rettungsboote stellen, wenn die Spaßgesellschaft kentert. Bäuerliche Landwirtschaft braucht weder Importe, noch Exporte oder Subventionen. Das einzige, was sie braucht, ist Schutz gegen Energiedumping – durch Zollgrenzen. Alles weitere können die Marktteilnehmer – Erzeuger und Verbraucher – untereinander am besten regeln, in einem großen europäischen Binnenmarkt.

Die Schönwetterkapitäne werden Treibstoffknappheit und die Existenz von Eisbergen bis zuletzt bestreiten. Für eine Kursänderung wird es dann zu spät sein. Backbord oder steuerbord, Oberdeck oder Unterdeck ist nicht mehr wichtig. Volle Kraft zurück wäre angesagt.

Vielleicht wollen wir aber lieber noch eine Weile an Deck genießen, ehe der Treibstoff ausgeht oder die dritte Generation der Wachstumskapitäne den morschen Kahn absaufen lässt….

siehe auch: http://www.liegeboxen.de/milch-2030-wird-energie-teuer/