Gummimatten und Altreifenrecycling

In Altreifen, Gummimatten oder Kunststoffprodukten stecken jede Menge Energie und wertvolle Rohstoffe. Was liegt also näher, als Recyclingverfahren zu entwickeln und Rohstoffe wiederzuverwerten?

Die Entsorgung von Altreifen war schon vor 30 Jahren ein Problem. In den letzten Jahrzehnten haben Mobilität und Strassenverkehr mit der steigenden Zahl an Kraftfahrzeugen weiter zugenommen. Das Altreifenproblem ist nicht kleiner geworden.

Gummi ist sehr stabil: im Unterschied zu anderen Kunststoffen kann man Gummi nicht einfach einschmelzen und wieder in eine neue Form bringen. Die Vernetzung der Moleküle kann auf chemischem Wege bei Gummi nur – wenn überhaupt – mit sehr hohem Energieaufwand wieder rückgängig gemacht werden, die Aufbereitung und Reinigung der wiedergewonnenen Ausgangsstoffe ist zu energieintensiv und damit weder wirtschaftlich noch ökologisch vertretbar.

Wenn von Gummirecycling die Rede ist, geht es deshalb nur um die mechanische Zerkleinerung alter Reifen durch Schreddern und Mahlen. Dabei entstehen Granulate mit unterschiedlicher Korngröße. Mit entsprechend vielen Mahlvorgängen können Altreifen gleichsam zu “Sand” vermahlen werden. Natürlich wird auch dabei viel Energie verbraucht.

Das so erhaltene Mahlgut hat nicht die chemische Bindekraft von Neugummi und kann deshalb nur als Füllstoff eingesetzt werden. Derartige Füllstoffe auf Basis von Altreifen gibt es im Überfluss. Es gibt eine Vielzahl von Anlagen zur Altreifenzerkleinerung.

Was passiert mit den dort erzeugten, gewaltigen Mengen an Altreifengranulat?

Hier kommt die Landwirtschaft ins Spiel. Füllstoffe tragen in der Regel wenig zur chemischen oder physikalischen Qualität eines Produktes bei, sie erhöhen nur Masse und Volumen. Sie eignen sich deshalb für großvolumige oder dickwandige Formteile mit geringerer Beanspruchung als etwa Traktorreifen oder Zitzengummis. In Gummimatten für Pferde und Kühe werden schon seit Jahrzehnten beträchtliche Mengen an Altreifengranulat untergebracht.

Ebenso gibt es seit Jahrzehnten Märkte für Fallschutzplatten oder Dämmstoffe auf Basis von Altreifengranulat. Auch der Einsatz von Altreifengranulat in sogenanntem Flüsterasphalt wurde schon vor dreißig Jahren diskutiert. Diese Technik scheint aber das Versuchsstadium nie verlassen zu haben, größere Mengen sind hier wohl nie zum Einsatz gelangt. Vielleicht hat das damit zu tun, dass die Umweltbelastung durch Schadstoffe aus Reifenabrieb bereits hoch genug ist und es nicht geraten erscheinen lässt, auch noch die Fahrbahnen zu gummieren. Es sind in den letzten zwanzig Jahren keine neuen Anwendungen bekannt geworden, in denen nennenswerte Mengen an Altreifengranulat untergebracht werden können. Vielleicht wird sehr fein gemahlenes Altreifengranulat inzwischen auch anderen Kunststoffmischungen beigemengt und zu Konsumprodukten verarbeitet. Dadurch würde das Entsorgungsproblem durch zusätzlichen Energieaufwand nur verlagert und verschärft.

Der Einsatz von Gummimatten in Liegeflächen für Kühe dürfte seinen Zenit bereits überschritten haben. Interessantere Perspektiven bietet seit etwas zwanzig Jahren der Einsatz von Gummimatten in Laufflächen für Kühe oder Pferde, wird aber auch hier weiterhin mit anderen, “natürlicheren” Haltungsformen konkurrieren. Die Gummimatten-Kapazität der Hersteller in aller Welt aber hat sich in den letzten Jahrzehnten vervielfacht.

Es gibt immer mehr Altreifengranulat und immer mehr Verarbeiter, aber keinen wachsenden Bedarf für deren Produkte.

Wer würde unter diesen Bedingungen immer neues Geld in Altreifenzerkleinerung und Herstellung von Gummimatten investieren?

Es gibt offenbar zu viel Anlagekapital, das nach Verzinsung sucht. Und die Story von sauberem Recycling kommt bei Investoren, Banken und Politikern immer gut an.

In Ostdeutschland wurde dieses Märchen bereits in den 1990er Jahren mehreren Landesregierungen mit Erfolg verkauft, damals flossen Fördergelder in zweistelliger Millionenhöhe in neue Kapazitäten zur Altreifenzerkleinerung.

Ob die so entstandenen Recyclinganlagen jemals Geld verdienen, als Investitionsruinen enden oder nach einiger Zeit billig abgestoßen werden – wen interessiert das später noch? Manche verlegen sich darauf, die selbst gewonnenen Rohstoffe – mit weiterer staatlicher Förderung und weiterem Fremdkapital – zu eigenen Produkten zu verarbeiten. Damit treten sie in Wettbewerb zu anderen Firmen, die oft schon jahrelang mit eigenem Geld mühsam die Vorarbeit geleistet und solche Märkte aufgebaut haben.

Einsatzmöglichkeiten von Altreifengranulat bleiben oft blanke Theorie, in der Praxis dürfte der Markt allenfalls langsam wachsen. Wer in einem solchen Umfeld als Hersteller seine Kapazität versechsfacht, will jedenfalls schneller wachsen als der Markt.

Verdrängungswettbewerb ist vorprogrammiert.

Die Firma Genan beschäftigt sich seit 1991 mit dem Recycling von Altreifen und betreibt in Europa mehrere Zerkleinerungsanlagen. Mit 15 neuen Großanlagen in Europa und Amerika möchte Genan bis 2018 zehn Prozent aller weltweiten Altreifen verarbeiten können. Das wären 1,4 Millionen Tonnen Rohstoffe aus Recycling, die das Unternehmen jedes Jahr absetzen möchte. Das würde mehr als 25 Millionen Gummimatten entsprechen – pro Jahr. Wer braucht das?

Angeblich machen Entsorgungsgebühren nur 20 Prozent der Einnahmen aus, immerhin 80 % des Umsatzes sollen im Rohstoffverkauf erwirtschaftet werden. Die Einnahmen aus Entsorgungsgebühren betrugen 2010 mindestens 41 EUR pro Tonne Altreifen. Wenn 80 % des Umsatzes aus Verkaufserlösen stammen sollen, müssen also mindestens 164 EUR pro Tonne im Verkauf erlöst werden. Aus 16 Cent pro kg muss ein beträchtlicher Energieaufwand bezahlt werden, viel Gewinn kann da nicht übrigbleiben. Vor allem dürfte das unvermeidbare Überangebot einen Strich durch die Rechnung machen: Was ist, wenn die Mengen nicht absetzbar sind und die Kapazitäten nicht ausgelastet werden können? Wird man dann nach dem Staat rufen?

Da sind wir doch mal gespannt. Vielleicht hat Genan ja wirklich Verfahren entwickelt, mit denen bessere Qualität gewonnen und neue Anwendungsbereiche erschlossen werden können.

Verschwendung durch Vernichtung von Energie und Kapital?

Aber wie sieht die Energiebilanz dabei aus? Lohnt sich der Energieaufwand möglicherweise nur, weil das Ganze durch Entsorgungsgebühren, Zuschüsse oder staatliche Förderung neuer Einsatzmöglichkeiten quersubventioniert wird?

In die 15 neuen Genan-Anlagen sollten fast 800 Mio Euro investiert werden, ca. 85 % dieser Summe kommen von Banken und Pensionsfonds. Warum diese Gigantomanie? Sollte man nicht lieber mit dem Markt wachsen, schrittweise und langsam, und für das Risiko der Expansion mit eigenem Geld haften?

Vielleicht findet man bei Politik und Banken leichter offene Ohren, wenn man große Summen und viele Arbeitsplätze in Aussicht stellt. Hier winkt das schnelle Geld, und der Hazardeur kann sich ein schönes Denkmal setzen.

Wo bleibt eigentlich das ganze Altreifengranulat?

Die fremdfinanzierte Genan-Expansion ist ein Musterbeispiel für die schädliche Wirkung von billigem Geld und Fremdkapital. Konservative, defensive Hersteller mit gesunder Eigenkapitalbasis werden durch fremdfinanzierte Überkapazitäten aus dem Markt gedrängt. Das zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Rohstoffbranche: in der Ölindustrie ebenso wie in der Agrarwirtschaft. Billiges Geld und Subventionen fördern kein Wachstum, sondern Blasen, Überkapazitäten, Preisverfall und Verluste auf breiter Front.

Altreifenrecycling ist ein Musterbeispiel für die Technikspirale: Mit wachsendem technischen Aufwand versuchen wir Technikfolgen in den Griff zu kriegen. Und können doch nicht verhindern, sondern allenfalls verzögern, dass der Abfall sich als Staub und Asche über die ganze Erde verteilt.

Es wäre Aufgabe einer kritischen Presse, die Mengenbilanzen von Entsorgungs- und Recyclingindustrie genauer unter die Lupe zu nehmen. Abfall- und Energiewirtschaft waren schon immer besonders anfällig für Filz und Lobbyinteressen.

siehe auch: www.genan.de