Konsumklimaindex und Kauflaune sind pünktlich vor den Wahlen so hoch wie seit 16 Jahren nicht mehr. Unzufriedene und Wutbürger geraten in den Hintergrund. Aber ein erfahrener Politiker weiß, wie er seine Anhänger mobilisieren kann. Ein Alexander Gauland apelliert an die niederen Instinkte von Abgehängten und Zukurzgekommenen. Dort werden verbale Entgleisungen und Grenzgänge wohlwollend vermerkt. Gauland zielt auf das proletarische Wählerpotential von SPD, Linken und Nichtwählern und bringt sich und die AfD in die Schlagzeilen.

Auf bürgerliche Wähler wirkt das abstossend. Aber das politische Kalkül ist einfach: Zufriedene Wohlstandsbürger wählen sowieso wieder CDU oder FDP, da ist für die AfD nicht mehr so viel zu holen wie bei Proleten und Protestwählern, deren Lebenswirklichkeit nicht vom Konsumklimaindex abgebildet wird.

In Politik und Parteien geht es um Macht und Mehrheiten. Seit 1918 gibt es politische Macht nur mit den Stimmen der besitz- und kinderlosen, städtischen Masse, die von der Hand in den Mund lebt und in jedem Land die Mehrheit stellt. Die Politik bedient die Masse mit billigem Konsum und Sozialleistungen, Brot und Spielen.

Langfristige Denkweise und Verantwortung entstehen mit Eigentum und Kindern.

Landwirte, Familien, Freie und Unabhängige werden in der republikanischen Massengesellschaft zur Minderheit, auf deren Stimmen keine Partei angewiesen ist. Parteien und Berufspolitiker brauchen besitzloses, abhängiges und einfältiges Stimmvieh, wie es im Wohlfahrtsstaat gedeiht.

Je lauter und öfter in dieser Gesellschaft von Nachhaltigkeit geredet wird, desto mehr wird das Gegenteil praktiziert. Jeder weiß, dass ein hoher Konsumklimaindex irgendwie nicht zu den CO2-Klimazielen passen kann, dass ein “stärkeres Deutschland” in Europa gar nicht gewünscht ist oder dass Europa nicht die Probleme Afrikas lösen können wird, am allerwenigsten durch Asyl. Und dass Integration und doppelte Staatsbürgerschaft auch irgendwie nicht zusammenpassen. Dass überall nur an den Symptomen herumgedoktert wird, weil am Grundkonsens nicht gerüttelt werden soll: hoher Lebensstandard mit hohem Energieverbrauch und Rundumversorgung für alle ist zwar nicht nachhaltig, aber attraktiv für Menschen aus aller Welt. Und wahlentscheidend.

Aber solche Kleinigkeiten und Widersprüche spielen in Wahlkampfzeiten keine Rolle. In einem Deutschland, in dem wir gut und gerne leben, ganz nach der Devise:

Lebe heute, zahle morgen!

Dieser Grundkonsens ist mehrheitsfähig – Verantwortung,  Nachhaltigkeit und Zukunftsvorsorge sind es nicht. Eigentlich kann man am Wahltag auch zuhause bleiben oder sich einen schönen Tag mit der Familie machen….

 

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