Die Hochglanzmagazine mit den Bildern von großen, neuen Maschinen und erfolgreichen, glücklichen Landwirten machen Mut und Lust auf Landwirtschaft 2030. Das Stimmungstief sei vorüber, wird verkündet; jetzt wird wieder investiert. Wie schön für die Zulieferindustrie, denkt man. Nur die Milchmärkte entwickeln sich leider noch nicht so gut wie erwartet, heißt es: das weltweite Angebot sei noch zu groß. Aber das wird schon werden, Aldi erhöht bereits die Milchpreise.

Schöne neue Welt, denkt man. Aber warum wirkt der zur Schau getragene Optimismus immer so angestrengt? Was will man mir hier verkaufen? Soll ich wieder einmal den Aufschwung wählen? Oder den Fortschritt? Oder: weiter so, Deutschland? Je fataler die Lage, desto krampfhafter wird Partystimmung erzeugt. Muss das sein? Wie im Wahlkampf oder in den Börsennachrichten: die Fundamentaldaten sind nicht so wichtig.

Und dann dieser Satz, den ich immer noch nicht verstehe:

“Nicht idealisierte Konzepte der Vergangenheit, sondern Fortschritt verschafft uns die Freiheitsgrade, eine der herausforderndsten Phasen der Agrarentwicklung erfolgreich zu meistern.”

Was für ein Satz. Carl-Albrecht Bartmer ist ein sympathischer Mann, nicht zu beneiden um seine Aufgabe, die ehrwürdige, alte DLG in eine neue Zeit zu führen. Aber diese apodiktische Behauptung klingt nach Marketing-Phraseologie, wie man sie aus Politik und Fernsehen zur Genüge gewohnt ist. Wenn der Satz die gesammelte Erkenntnis von fünfzig DLG-Experten ausdrücken soll, dann stellt sich die Frage, ob bei Erarbeitung der Leitlinien nicht zuviele Köche am Werke waren. Hat ein Berg gekreißt und ein Mäuslein geboren? Rhetorische Höchstleistung lässt nichts Gutes ahnen in einer Welt, in der Inhalt und Verpackung, Schein und Sein, Worte und Taten immer mehr auseinanderklaffen. Wer will sich noch blenden lassen?

Außerdem bin ich einfach anderer Meinung und behaupte ganz im Gegenteil:

Wenn es überhaupt einen Ausweg aus der Sackgasse der Wachstums- und Fortschrittsgläubigkeit, aus Überschuldung, Interventions- und Technikspiralen gibt, dann ist er am ehesten in bewährten Konzepten und Überlebensstrategien der Menschheitsgeschichte zu suchen. 

Dem Fortschritt verdanken wir keine Freiheitsgrade, sondern neue Möglichkeiten und neue Abhängigkeiten: die Aufstiegsmöglichkeit ebenso wie das Risiko des Scheiterns.

Freiheit und Unabhängigkeit gründen nicht auf Fortschritt, sondern auf wirtschaftlichem Erfolg oder Besitz. Die Freiheit eines Christenmenschen verdankt man dem lieben Gott.

Landwirtschaft 2030? Als Landwirt können Sie damit rechnen, dass Aufwand und Kosten schneller steigen werden als die Erträge. Technik und Energie werden nicht billiger. Drehen Sie zu sehr an der Kostenschraube, drohen Ertragseinbußen und steigende Stückkosten. Sie können darauf hoffen, die Erlöse irgendwann durch höhere Erzeugerpreise zu verbessern. Aber das haben Sie nicht in der Hand, das hängt vom Weltmarkt ab. DLG und Interessenverbände können Ihnen da nicht mehr helfen.

Vielleicht sollten Sie lieber damit rechnen, dass in einer überschuldeten, kranken Weltwirtschaft ein strukturelles  Überangebot auf schwindende Kaufkraft stösst und die Erzeugerpreise deshalb unter Druck bleiben werden. Es gibt zu viele in der Welt, die Einnahmen brauchen, Schulden bedienen und um jeden Preis verkaufen müssen. Energie und Lebensmittel werden erst nach dem finalen Kollaps des dollarbasierten Finanzsystems wieder mit  Gold aufgewogen werden – aber wer wird dann noch Landwirtschaft betreiben?

Eine höchst produktive – also kapital- und energieintensive – Landwirtschaft ist auf Technik und industrielle Vorprodukte angewiesen. Der Löwenanteil an der gesamten Wertschöpfungskette hat sich auf die vor- und nachgelagerte Industrie verlagert. Für den Landwirt ist der technische Fortschritt eher Fluch als Segen: die Früchte der landwirtschaftlichen Produktivitätssteigerung haben Verbraucher und Industrie eingeheimst, auf den Kosten der Technikspirale bleibt der Landwirt sitzen. Die Landwirtschaft hat sich erfolgreich und selbstlos wegrationalisiert.

Landwirtschaft auf dem Altar der Globalisierung

In der Glitzerwelt von Politik, Verbänden und Fachpresse werden globale Verflechtung und Abhängigkeiten als schicksalhaftes Naturereignis behandelt, dem man nichts entgegensetzen kann und sollte. In der Konsequenz dieser Logik hat heute niemand mehr die Freiheit, seine eigenen Angelegenheiten selbst zu regeln und eigene Interessen zu schützen, denn das wäre Protektionismus.

Ist dieser Verzicht auf Freiheit, dieser unkritische Kleinmut nur eine Ausrede für mangelnde Handlungsbereitschaft oder eigene Handlungsunfähigkeit? An den großen Stellschrauben traut man sich nicht zu drehen, die Verantwortung kann auf Brüssel oder die USA abgeschoben werden. Aber wo es noch geht, wird umso eifriger im Namen des Fortschritts reguliert, interveniert, gefördert und umverteilt, zugunsten der eigenen Wähler und zulasten zukünftiger Generationen.

Interventionsspirale und heilige Kühe

Unzählige Zuständigkeiten und Maßnahmen, deren Auswirkungen niemand mehr überblicken kann. Meistens kommt statt des Versprochenen etwas ganz anderes dabei heraus, das wieder neuen Interventionsbedarf und neue Kosten nach sich zieht. Kratzt man irgendwo am Lack, tritt irgendeine Absurdität zutage. Überall heilige Kühe, deren Daseinsberechtigung nicht hinterfragt werden darf. Die Lieblingskuh der DLG heißt “Fortschritt”.

Auch Freihandel und offene Märkte sind heilige Kühe, denen wir Exporterfolge und Wohlstand zu verdanken glauben. Nun werden aber Exporte heute nicht mehr in harter Währung bezahlt, sondern mit Schulden und ungedeckten Wechseln auf die Zukunft. Deshalb ist es  möglich, dass der mit Erfindungsreichtum, Fleiß und Sparsamkeit erarbeitete Wohlstand gerade auf demselben Wege hinausströmt, auf dem er gekommen ist: durch Freihandel, offene Märkte – und eine gemeinsame, politische Währung. Das Fenster ist in beide Richtungen offen. Wir exportieren Ersparnisse und importieren Schuldscheine. Davon lebt eine viel zu große Finanzindustrie. Eine monströse Absurdität!

Zukunft keimt unter der Oberfläche…

Wie strahlend könnte die Zukunft sein, wenn der Staat nicht so viele Schulden und Zuständigkeiten hätte und sich – wie zu Kaisers Zeiten – mit zehn Prozent Steuern auf Einkommen aus Arbeit und Kapital begnügen müsste! Wenn er mehr Geld brauchte, könnte er Steuern auf den Import von Energie und Rohstoffen erheben. Alles andere könnten wir selbst lösen, ohne Staat und Parteien. Der Landwirtschaft 2030 würde es blendend gehen und die fleißigen Verbraucher hätten genug Geld, um beste Qualität zu kaufen.

Ein solches Land der Freiheit wird es nicht geben, solange der Wohlfahrtsstaat noch etwas zu verteilen hat. Politiker werden sich nicht arbeitslos machen und sich – wie die Landwirtschaft – zugunsten des großen Ganzen wegrationalisieren. Zukunft wird erst möglich, wenn das System der Verschwendung bankrott ist.

Die Fundamente unter der glänzenden Fassade bröckeln schon lange. Vielleicht hält das Ganze noch zehn oder zwanzig Jahre, aber irgendwann wird es ernst. Hoffentlich gibt es dann noch Landwirte für Landwirtschaft 2030.

Impulse für den Fortschritt? Sehen Sie selbst:     www.dlg.org/5252.html