Steiniger, flachgründiger Boden in Südhanglage ist in unserer Gegend ackerbaulich nicht interessant. In meiner Kindheit wurden solche Flächen manchmal für den Anbau von Rotklee oder Luzerne genutzt. Damit konnte auch kargen Böden proteinreiches Futter abgerungen werden. Eine angepasste Landwirtschaft war darauf angewiesen, knappe eigene Mittel, Standorte und Bodenverhältnisse optimal zu nutzen. Natürlich waren die Erträge viel niedriger, aber landwirtschaftliche Erzeugnisse waren deshalb auch kostbarer und wurden geschätzt, so dass Bauern von ihrer Arbeit leben konnten. Ein Konzept der Vergangenheit, ich weiß.
Heute gibt es in der näheren Umgebung keinen Milchviehbetrieb mehr, der Rotklee gebrauchen könnte. Für den Pächter oder Eigentümer ist die Stillegung der Fläche als Subventionsbrache lukrativer. Und Soya aus fernen Ländern liefert preisgünstigeres Protein als anspruchslose heimische Nutzpflanzen.

Wir haben es weit gebracht mit der internationalen Arbeitsteilung. Unsere hoch produktive – also energie- und kapitalintensive – Wirtschaft sorgt für hohe Außenhandelsüberschüsse. In den importierenden Ländern führen wachsende Außenhandelsdefizite zu immer größerer Verschuldung. Andere brauchen Einnahmen aus dem Export von Bodenschätzen oder Agrarrohstoffen, um Technik und Veredelungsprodukte importieren zu können… Besonders pfiffig war das Geschäftsmodell der USA: exportiert wurden Staatsanleihen, importiert wurden Kapital und Konsumgüter. Der Export von Rüstungsgütern und Agrarrohstoffen spielte in der Leistungsbilanz nur eine untergeordnete Rolle. Als Herausgeber der Weltreservewährung konnte man sich das lange Zeit leisten, aber in letzter Zeit gehen den Treasuries die Käufer aus. Deshalb dürfte es sich auch hier um ein Konzept der Vergangenheit handeln.

Das System der Verschwendung

Deutschland liefert Spitzentechnologie, die bald keiner unserer Handelspartner mehr bezahlen wird; die einen, weil sie es nicht können und die anderen, weil sie lieber selbst in den Aufbau eigener Spitzentechnologie investieren.  Wir erzeugen unterdessen mit hohem Aufwand an Energie und Kapital Strom aus Wind und Sonne, den wir mangels Speichermöglichkeit exportieren müssen. Als Stromspeicher entwickeln wir Elektroautos, die der Weltmarkt nicht brauchen wird, weil Direktverbrennung  einfach energieeffizienter und wirtschaftlicher ist als Stromerzeugung inklusive Umwandlung, Speicherung und Transport.

Früher gab es den “Kohlepfennig”, mit dem der Abbau heimischer Steinkohle zum Zwecke der Verstromung subventioniert wurde.
Nicht einmal die Politik wäre damals auf den Gedanken gekommen, den Export knapper Ressourcen zu subventionieren, obwohl dies eine indirekte Folge der Kohleverstromung wurde. Heute gibt es das EEG und Stromüberschüsse aus regenerativen Energieträgern, deren Entsorgung per Export nicht nur zweistellige Milliardenbeträge kostet, sondern auch die Märkte für Strom aus Wasserkraft in den Nachbarländern zerstört. Nicht viel anders wäre es, in Deutschland erzeugte Agrarrohstoffe nach Afrika zu exportieren – absurd!

Vieles erscheint nur noch absurd. Aus der angestrebten weltweiten Arbeitsteilung ist ein System der Verschwendung geworden, das in seiner jetzigen Form keinen Bestand haben kann. Sinn und Aufgabe von Land- und Forstwirtschaft war immer die nachhaltige Bereitstellung von Energie aus den natürlichen Lebensgrundlagen Boden und Sonne. Die Landwirtschaft sollte sich nicht an der systematischen Verschwendung beteiligen; sie verliert darüber ihren Sinn und ihre Perspektive.

Denn nach dem System der weltweiten Arbeitsteilung wäre es nur konsequent, Lebensmittel aus Billigländern zu importieren und weite Teile Deutschlands aufzuforsten, verwildern zu lassen oder zu CO2-Senken zu erklären.

Zölle auf Futtermittelimporte?

Immer mehr Länder werden nur noch das importieren, was sie nicht selbst herstellen können. Viele dieser Länder mit rasch wachsender Bevölkerung werden Agrarrohstoffe dringender benötigen als die Länder der EU, die einen hohen Selbstversorgungsgrad erreicht haben oder Überschüsse produzieren. Nur ihren Proteinbedarf können die Länder der EU nicht aus eigener Erzeugung decken. Sollte man nicht mehr proteinhaltiges Futter in der EU erzeugen, statt eigene Agrarüberschüsse auf dem Weltmarkt zu entsorgen? Anreize sollten nicht die Verschwendung fördern, sondern die optimale Nutzung eigener Ressourcen, z.B. den Futteranbau auf eigenen Flächen, im eigenen Betrieb oder wenigstens im eigenen Land.

Ausgleichszahlungen sollen Kostennachteile der europäischen Landwirtschaft kompensieren. Sie mögen dafür gedacht gewesen sein, die eigene Wettbewerbsfähigkeit gegen Importe zu schützen. Sie verfehlen ihren Zweck, wenn damit Überschüsse für den Weltmarkt produziert werden. Eine nach Kulturen und Wirtschaftszweigen differenzierte Förderung ist ein bürokratisches Monster, der damit verbundene Arbeitsaufwand in Verwaltung und Kontrolle ist nicht produktiv. Dieses Modell ist auch volkswirtschaftlich unsinnig, solange der mit Agrarprodukten erzielte Außenhandelsüberschuss kleiner ist als der EU-Agrarhaushalt: ein Zuschussgeschäft.

Wäre es nicht viel einfacher und sinnvoller, den EU-Agrarhaushalt durch Einfuhrzölle zu entlasten bzw. zu finanzieren – zum Beispiel auf Futtermittel- oder Eiweißimporte?
Proteinreiches Futter, Fleisch und Milch dürfen ruhig etwas mehr kosten. Man muss vielleicht auch nicht jeden Tag Lachs zum Frühstück haben. Aber Ausgleichszahlungen könnten entbehrlich werden, weil Flächen und natürliche Lebensgrundlagen für die europäische Selbstversorgung knapp und kostbar sind.

Ein Konzept der Vergangenheit? Noch werden alternative Vorschläge sofort im Keim erstickt und zum Tabu erklärt. Die Mächtigen in Wirtschaft, Politik, Medien, Kirchen, Gewerkschaften und Verbänden leben vom System der Verschwendung wie die Maden im Speck; es sichert ihnen gute Einnahmen aus Gehältern, Diäten, Steuern, Abgaben, Beiträgen und Werbung – noch. Sie müssen die Doktrin vom ewigen Wachstum durch Freihandel verteidigen, dafür werden sie bezahlt – noch. Sobald der Geldhahn versiegt, werden sie verstummen oder ganz anders reden.

Selbstversorgung statt Proteintourismus?

Die Warnung vor “idealisierten Konzepten der Vergangenheit” erinnert irgendwie an Durchhalteparolen aus DDR-Zeiten: Vorwärts immer, rückwärts nimmer! Es ist das Pfeifen im Walde. Was aber, wenn Geldillusion und Wachstumsutopien platzen wie Seifenblasen und sich Papierwährungen, Kreditgeld und Reichtum in Luft auflösen?

Auch die Vorstellung, dass die Erde irgendwie allen gemeinsam gehöre, könnte sich – wie jeder wohlgemeinte Sozialismus – ganz schnell als frommer Wunsch erweisen. Die Menschheit hat sich immer in Clans, Stämmen und Völkern organisiert. In Zeiten des Überflusses mögen Unterschiede und Grenzen bedeutungslos und entbehrlich erscheinen. In den – geschichtlich viel häufigeren! – Zeiten des Mangels ist man auf die eigenen Lebensgrundlagen angewiesen: auf das eigene Land als Quelle von Nahrung und Energie.

Klar, für Landwirte und Berufsverbände muss der Sinn von Landwirtschaft darin bestehen, mit ihrer Tätigkeit ein Einkommen für ihre Familien zu erzielen. Aber über Sinn und Nutzen der Landwirtschaft für uns alle sollte immer wieder einmal nachgedacht werden. Steuerzahlern und Verbrauchern wird der Sinn von Ausgleichszahlungen für eine exportorientierte Landwirtschaft kaum zu vermitteln sein.

Das System der Verschwendung, der offenen Märkte und Grenzen wird sich selbst ad absurdum führen. Alles geht zu Ende, und jedem Ende wohnt ein neuer Anfang inne. Der paradiesische Überfluss des Erdölzeitalters wird in der langen Geschichte der Menschheit und der Erde eine kurze Episode bleiben.

Empfehlung: www.goldseiten.de/artikel/324360–Wenn-das-ganze-System-zusammenbricht-.html

siehe auch: liegeboxen.de/dlg-ratlos-im-hamsterrad/