Gute Milch kostbar machen!

Wir schreiben das Jahr 2030. Romuald S. ist Präsident der EU-Kommission, die gerade die größte Herausforderung ihrer Geschichte meistern muss: Aus der Weltwährungskrise ist eine handfeste Energiekrise geworden. Seit es mit dem chinesischen Yuan wieder eine goldgedeckte Währung gibt, will niemand mehr Erdöl oder Rohstoffe gegen Euro oder Dollar verkaufen, der Wert dieser Währungen stürzt ins Bodenlose. Europa teilt das Schicksal der Ukraine, die sich schon seit Jahrzehnten kein Erdgas oder Erdöl mehr leisten kann. Benzin und Diesel sind kontingentiert und müssen vorrangig für die landwirtschaftliche Nahrungsmittelproduktion genutzt werden. Der EU-Kommissar für Landwirtschaft und Versorgungssicherheit, Dr. Willi Kremer-S., hat soeben verfügt, dass für die Erzeugung von Biomasse für Verstromungszwecke kein Diesel bewilligt werden darf, weil alle landwirtschaftlichen Flächen für die Nahrungsmittelproduktion gebraucht werden.

Das Gold ist weg: Bundestag und Regierung lösen sich auf!

Die letzte Bundesregierung unter der etwas betagten Kanzlerin Angela M. hat sich soeben aufgelöst, nachdem sich herausgestellt hat, dass die in den USA gelagerten deutschen Goldreserven leider unauffindbar und wahrscheinlich abhanden gekommen sind. Deutschland verfügt somit nicht über Devisenreserven für den Import von Öl und Rohstoffen. Auch der Bundestag hatte sich aufgelöst, die Abgeordneten waren einfach nach Hause gefahren. Zuvor hatte die CDU-Fraktion noch beantragt, Parlamentarierdiäten künftig in chinesischen Yuan auszuzahlen. Dieser Antrag fand keine Mehrheit, weil FDP und AfD dagegen waren und die anderen Fraktionen den arabischen Dinar favorisierten. Dann hatte der Abgeordnete Felser aus dem Wahlkreis Kempten/Oberallgäu noch den Antrag gestellt, ganz auf Diäten zu verzichten; dieser Antrag wurde mit 1999 gegen zwei Stimmen abgelehnt, es waren auch einige Morddrohungen gegen den Abgeordneten laut geworden. Die Sitzung hatte im Tumult geendet, der Abgeordnete F. musste unter Polizeischutz aus dem Saal geleitet werden.

(Anmerkung der Redaktion: Aus der großen Parlamentsreform von 2018 war das “Gesetz zur Vereinfachung der Stimmabgabe”, kurz GesVeSt, entstanden. Gemäß GesVeST durften nur noch ein Tausendstel der Abgeordneten über ein Direktmandat in den Bundestag gelangen. 2029 waren die einzigen Direktmandate auf die Abgeordneten Felser (58) und Ströbele (102) entfallen. Das Parlament war seit 2017 von Wahl zu Wahl größer geworden, weil ständig neue Parteien in den Bundestag drängten, die älteren Parteien aber nicht auf Mandate verzichten wollten. Der alte Reichstag bot nicht mehr genug Platz. Erst kürzlich war der Bundestag deshalb in die Abflughalle des niemals fertiggestellten Berliner Flughafens umgezogen. Dieser neue, fensterlose Plenarsaal war zwar nur eingeschränkt nutzbar, weil er aus Brandschutz- und Umweltschutzgründen weder beheizt noch klimatisiert werden konnte. In Anbetracht der beträchtlichen Baukosten wurde die mit dem Land Berlin vereinbarte Kaltmiete in Höhe von 4 Milliarden Euro pro Monat dennoch als sehr günstig angesehen.) –

Nach Auflösung des Bundestages steht die Abflughalle jetzt zwar wieder leer, aber bei galoppierender Inflation sind vier Milliarden ohnehin bald peanuts. Da ohne Bundestag auch keine neue Regierung gewählt werden kann, mussten die Regierungsgeschäfte notgedrungen für zunächst zwölf Jahre kommissarisch von der EU-Kommission unter Führung von Romuald S. übernommen werden.

Strom gibt es nicht, Diesel ist unerschwinglich.

Heizöl und Erdgas, aber auch Pellets sind unbezahlbar geworden. Im Jahrhundertwinter 2029/30 war der Stromverbrauch explodiert, als alle plötzlich elektrisch zu heizen versucht hatten. Da in der langen Frostperiode kaum Strom aus Windkraft- und Photovoltaikanlagen zur Verfügung stand, war das Stromnetz sofort zusammengebrochen. Seither gibt es auch keinen Strom mehr für den Betrieb von Melkanlagen und Mistschiebern.

Die Milchbauern waren wieder einmal vorbereitet.

Unter der Führung von Alois W. hatte der Bund der Bauern und Selbstversorger (BBS) schon frühzeitig Notfallpläne erarbeitet, die jetzt nur noch umgesetzt werden mussten. Kühe aus Großbetrieben wurden sofort auf Dörfer und Nebenerwerbsbetriebe verteilt. Wer einen alten Stall, etwas Land, Futter und Wasser hat, kann beim BBS unbürokratisch eine Kuh erwerben oder leasen.

Überall entstehen Milchmanufakturen!

Die Milch von den neuen Kleinbetrieben findet reißenden Absatz. Die städtische Kundschaft nimmt lange Wege auf sich, um in mitgebrachten Gefäßen beim Bauern ein oder zwei Liter Milch abzuholen. Den Preis können die Bauern bestimmen, sie nehmen notfalls auch Wertgegenstände, aber niemals Papiergeld. Wer nichts hat, kann den Kaufpreis abarbeiten: ein Liter Milch ist der übliche Lohn für eine Stunde Stall- oder Feldarbeit. Arbeitskräftemangel gibt es nicht, denn Fabriken und Behörden sind wegen Energiemangel geschlossen. Wer etwas zu essen haben will, muss beim Bauern kaufen oder arbeiten.

Nach der anfänglichen Verwirrung bilden sich bereits neue, dezentrale Strukturen: es ist ja viel günstiger, Kühe über das ganze Land zu verteilen, als Milch über weite Strecken zu transportieren und zentral zu verarbeiten. Für solchen Unsinn gäbe es auch gar keinen Treibstoff mehr. Was nicht als Frischmilch, Sahne oder Butter verkauft wird, wird von immer mehr Milchmanufakturen zu eigenem Käse verarbeitet. So entstehen gerade in abgelegenen Landstrichen immer neue Käsespezialitäten, die ihren Weg in die Städte finden und sich großer Beliebtheit erfreuen. Viele Arbeitslose haben eine neue Existenz als fahrende bzw. wandernde Käsehändler gegründet.

Die Arbeit an der frischen Luft beginnt sich sehr positiv auf die Gesundheit breiter Bevölkerungsschichten auszuwirken; Übergewicht sowie Herz-Kreislauferkrankungen werden immer seltener. Fitnesscenter wurden zu Kleinkraftwerken umfunktioniert: mit dem von Tagelöhnern in Laufrädern erzeugten Strom werden hier und da Krankenhäuser versorgt.

Wer kann noch melken?

Ein Problem ist natürlich der Mangel an Sachkenntnis, denn wer kann noch von Hand melken? Hier helfen Fachleute aus den Niederlanden, die in großer Zahl aus Osteuropa und Übersee nach Europa zurückgekehrt sind. Unter ihnen hatte sich schnell herumgesprochen, dass Milcherzeugung in Europa wieder lohnender ist als irgendwo sonst in der Welt. In Russland ist die Milcherzeugung nach dem Weggang der niederländischen Betriebsleiter stark eingebrochen. Rohrleitungen und Melktechnik wurden von den einheimischen Mitarbeitern sofort demontiert und zu Destillieranlagen umgebaut. Die wieder von Hand gemolkene Milch verschwindet in dunklen Kanälen. Neuer russischer Standard ist jetzt selbstgemachter Sahnelikör. Die niederländischen Fachleute aber betätigen sich nun als Ausbilder überall in Europa.

Zum Glück gibt es im Allgäu noch einige mittelständische Melktechnikfirmen, die den Bedarf an praktischen, handbetriebenen Melkgeräten erkannt hatten, bevor noch chinesische Massenware diesen neuen Markt überschwemmen konnte. Die großen Melktechnikanbieter hatten die Marktentwicklung verschlafen, weil sie mit sich selbst beschäftigt waren: Nachdem es keinen Bedarf an Melkrobotern und Großanlagen mehr gab, hatte DeLaval die Übernahme des Konkurrenten GEA angekündigt. GEA hatte daraufhin sofort die Übernahme von DeLaval und Lely beschlossen, das Kartellamt hatte in dieser unübersichtlichen Situation aber erst einmal alle Übernahmen untersagt. Nun sind Gerichte, Anwälte und Kartellamt damit beschäftigt, die Rechtslage zu klären. Da die Rechtsabteilungen sehr viel Geld verschlingen, können sich die Konzerne keine Marketing-, Forschungs- und Entwicklungsabteilungen mehr leisten.

Es geht auch ohne Gesetzgeber!

Bei Milcherzeugern und Mittelstand aber herrscht Gründerzeitstimmung. Ohne Gesetzgeber und Vorschriften ist das Leben viel einfacher geworden. Sicherheit und Ordnung werden durch freiwillige Feuerwehr, Schützenvereine und Jägerschaft gewährleistet. Die EU-Kommission unter Romuald S. kann sich auch nicht um alles kümmern. Sie hat genug damit zu tun, die weggelaufenen EU-Beamten durch ehrenamtliche Mitarbeiter zu ersetzen, damit schnellstens eine Währungsreform auf den Weg gebracht werden kann. Es wird wohl nur noch Bargeld geben, als Münzen kommen nur Gold und Silber in Frage. Am besten geht es einigen vorsichtigen, alten Milchbauern, die sich ein paar Münzen aus der Kaiserzeit aufgehoben hatten.

 

Fortsetzung folgt! Zur Vorgeschichte siehe auch www.liegeboxen.de/milch-2030/