Kann es für Landmenschen ein größeres Fest geben als Ostern? Mit dem Frühling kehrt Persephone zurück an das Licht und auf die Erde. Ein halbes Jahr musste das arme Mädchen in der dunklen Unterwelt verbringen. Mit der Tochter von Mutter Erde erwachen Pflanzen und Natur zu neuem Leben.

Wir wissen nicht, was die Städter feiern, aber für uns auf dem Lande ist Ostern das Fest der Auferstehung. Kurz zuvor, am Karfreitag, denken wir noch an Tod und Vergänglichkeit.

Einige Jahre lang haben wir Ostern in Siebenbürgen gefeiert, mit den alten Bauern im Harbachtal. Das war vor zwanzig Jahren. Es wird kein Ostern geben, an dem wir nicht an die alten Freunde denken.

Da war Herr Drotleff, Kurator von Holzmengen. Er hatte Stalingrad, Deportation und Zwangskollektivierung überlebt, sein Hof lag am Fuße der Kirchenburg. Für seine Frau und ihn kam die Ausreise nach Deutschland nie in Frage, sie wollten in ihrem Dorf begraben werden. In den 90er Jahren war er noch einmal nach Deutschland gereist, kehrte aber vorzeitig zurück. Von Heimweh geplagt, hatte er in der Fremde nichts essen können. Zuhause aber lud er noch achtzigjährig die Heufuder und kletterte im Frühling in die Birke, um ein Elsternnest auszunehmen. Traktorfahren hatte er nie gelernt, aber er konnte mehrspännig fahren und mit Büffeln und Bienen umgehen. Bis zuletzt versorgte er die Kirchenburg und die Höfe der ausgewanderten Nachbarn.

Menschen aus einer anderen Zeit, aus einer anderen Welt. Ihr Leben war hart, es war keine Idylle. Aber nie wieder war Ostern so feierlich wie damals mit den wenigen Alten im Gottesdienst in Marpod oder Holzmengen. Die letzten alten Sachsen in ihrer Tracht, ein Häuflein Standhafte in der leeren Kirche. Kaffee und Hanklich im Pfarrhaus, ruhig und würdevoll. Was wird nun aus Kirchenburgen und Pfarrhäusern werden? Aus Altardecken, Inschriften, Fahnen, Häusern, Gräbern und der Erinnerung an Generationen von großartigen, fleißigen Siebenbürger Sachsen, Bauern und Handwerkern, Lehrern und Pfarrern?

Ostern war Siebenbürgen noch braun gezeichnet vom strengen Frost des vergangenen Winters. Es konnte auch noch Schnee geben, der schnell wieder schmolz. Auf den Höfen und auf der Straße überall Matsch und Schlamm. Aber die Störche waren schon zurück. Wie die Zugvögel gehörten auch wir Wandervögel ein paar Jahre lang zum Frühling im Harbachtal.

Wir haben das Leben gesucht, nicht die Idylle.

Natürlich waren wir als junge Menschen auf der Suche, auf der Suche nach Sinn. In Holzmengen und Marpod fanden wir Menschen, die uns brauchten. In ihre untergehende Welt brachten wir zu Ostern Lieder und junges Leben. Wir hörten ihnen zu, wir haben einander verstanden. Wir wollten ihre Nachfahren sein, sie werden uns immer Vorbild bleiben.

Sture, standhafte, bescheidene Bauern, die neue Zeiten nur als kurze Unterbrechungen der Ewigkeit empfanden. Man hatte schon so vieles kommen und gehen sehen, und das meiste war eitel und Haschen nach Wind.

Von denen solltet Ihr Euch eine Scheibe abschneiden, wenn Ihr auf dem hohen Ross Eurer Riesenschlepper sitzt. Früher waren auch bei uns die Menschen größer als ihre Maschinen… Sie hatten gar keine Zeit, sich irgendetwas vorzumachen oder mit Besitz zu protzen. Sie hatten es auch nicht nötig.

Wir kennen den Hunger nicht und sind bemüht, unserem Treiben einen höheren Sinn zu geben: Dass ohne uns die Welt verhungern würde, dass wir durch unsere Exporte, Erfindungen oder Entwicklungshilfe anderen zu höherem Lebensstandard verhelfen oder auf irgendeine Weise das Leid in der Welt vermindern…

Alles nur Ausreden, um unser sinnentleertes Handeln zu rechtfertigen?

Alles Ausreden, alles nicht ehrlich! Wo es nicht mehr um das Überleben geht, dreht sich das Leben zumeist um Macht, Reichtum oder Eitelkeit. Hunger, Mangel und Entbehrungen können Menschen und Völker ertragen, Überfluss und Wohlstand nicht. Zwei Generationen Wohlstand scheint kein Volk zu überleben.

Hier und da überwintern noch Reste, Werte und Saatgut alter Völker und Kulturen. Bei einfachen Menschen, die nicht die Welt verbessern, Macht erringen oder vom Staat versorgt werden wollen. Es genügt ihnen, nicht auf Kosten anderer zu leben. Nach heutigen Maßstäben: Modernisierungsverlierer.

Nach dem Frost dieses späten Winters sind die Osterglocken noch etwas verschnupft. Aber die Vögel singen wieder, neues Leben regt sich schon. Und bei vielen Freunden und Modernisierungsverweigerern wird es dieses Jahr Nachwuchs geben!

Frohe Ostern!

 

Persephone: https://de.wikipedia.org/wiki/Persephone