In letzter Zeit wird oft vor Protektionismus gewarnt. Weltmarkt und Globalisierung verlieren an Popularität. Im Wahljahr 2017 wird die Debatte Fahrt aufnehmen. Die alten Kräfte warnen vor Wohlstandsverlust durch Abschottung. Neue Stimmen warnen vor Wohlstandsverlust durch offene Märkte und Grenzen. Je nach politischem Interesse wird die eine oder andere Angst geschürt. Und doch: Protektionismus wird kommen, ob es gefällt oder nicht. Was sind die Ursachen?

Seit einiger Zeit wächst die weltweite Verschuldung schneller als Weltwirtschaft und Welthandel. Nicht erst seit 2008 ist bekannt, dass Überschuldung und Bankrotte in einer globalisierten Wirtschaft systemische Risiken mit hoher Ansteckungsgefahr bilden. Mit den Risiken wächst auch das Interesse an Abschottung und Schutz vor Ansteckung.

Expandierende Unternehmen und Volkswirtschaften brauchen offene Absatzmärkte für ihre Erzeugnisse. Aber Expansion der einen auf Kosten der anderen ist nicht nachhaltig: im Welthandel sind innerhalb weniger Jahrzehnte beispiellose Ungleichgewichte entstanden, die auf Dauer nicht funktionieren können. Das Geld zur Bezahlung von Defiziten im Außenhandel kann nur verdient oder gedruckt werden. Die USA und Europa haben sich für die Druckerpresse entschieden: Monetarisierung von Schulden durch Ankauf von Anleihen ist die moderne Art wundersamer Geldvermehrung. Früher oder später verlieren die internationalen Gläubiger das Vertrauen in inflationierte Weltreservewährungen. Dieser Zeitpunkt rückt näher: nach jahrelangem Wachstum werden die weltweiten Devisenreserven seit 2016 massiv abgebaut. Nicht nur China trennt sich von Dollarreserven. Diese Entwicklung war bereits vor der Wahl von Trump in Gang gekommen.

Die Zentralbanken haben eine Möglichkeit geschaffen, die Geldillusion noch eine Weile zu verlängern. Aber Hersteller und Exportnationen können sich auf Dauer keine Kunden leisten, die immer nur anschreiben lassen. Die Target II-Salden bei der Bundesbank zeigen das ganze Ausmaß der innereuropäischen Ungleichgewichte und Risiken.

Wer kein Geld mehr hat, muß eben wieder Kartoffeln aus dem eigenen Garten essen. In dieser Lage befinden sich nicht nur Venezuela oder Zimbabwe; auch die USA und die meisten europäischen Länder sind auf diesem Weg. Viele Menschen ahnen, dass das westliche Wachstumsmodell in die Jahre gekommen ist. Der Lack ist ab, der Koloss steht auf  tönernen Füßen.

Im Leben der Unternehmen, Völker und Nationen wechseln Phasen der Expansion mit Phasen der Kontraktion. Für den Westen ist die Zeit der Expansion vorbei. Offene Grenzen und Weltmarkt werden für die alten Mächte zum Risiko: sie werden den Abfluss von Wohlstand zu stoppen versuchen. Den aufstrebenden neuen Mächten boten die offenen Grenzen der anderen die Chance zur Expansion.

Vielleicht geht es gar nicht um die Alternative zwischen weniger Wohlstand durch Abschottung oder mehr Wohlstand durch Öffnung. Die Alternative könnte vielmehr heißen: Wohlstandsverlust durch Abschreibung uneinbringbarer Forderungen oder Wohlstandsverlust durch gemeinsamen Konkurs mit den Schuldnern. Noch besteht die Freiheit der Wahl.