Protektionismus statt Freihandel

Ein strahlender Junimorgen. Durch den Garten zieht der Duft von Rosen, Jasmin und Geißblatt. Am Kinderturm blüht die Ramblerrose. Auf den Brennesseln am Wiesenrand sonnen sich die Raupen des Tagpfauenauges. Leichter Ostwind, kein Wölkchen am Himmel. Es blühen die Rosen, die Nachtigall singt… Heute abend werden die Sauen wieder in den milchreifen Weizen gehen.

Wirtschaft und Konsum brummen, der Export rollt, die Beschäftigung bricht immer neue Rekorde. Außerdem ist Wahljahr, schönes Wetter, Ferien- und Freibadstimmung sind gut für Verbraucher und Regierung.

Wer möchte schon in solchen Momenten an Vergänglichkeit erinnert werden?

Der Bauer weiß, dass dem schönen Wetter irgendwann Regen folgen muss.

Manchmal sehnt er ihn herbei. Je länger die Dürre, desto größer die Befürchtung, dass es später irgendwann zur Unzeit im Übermaß regnen wird. Bitte nicht gerade zur Ernte. Aber Pessimismus hilft auch nicht. Uns wird schon was einfallen.

Dürreperioden und Wetterkapriolen gab es schon immer. Schwarzseher gab es auch schon immer. Schon vor vierzig Jahren wurden uns die Grenzen des Wachstums prophezeit. In den 1970er Jahren gab es Ölkrisen und einen Ölpreisschock. Man befürchtete eine baldige Verknappung. Pustekuchen! Heute ertrinkt die Welt in einem Überangebot an Erdöl, von Knappheit keine Spur!

Seit Weltfinanzkrise 2009 und Griechenlandkrise 2010 wurde prophezeit, dass es mit dem Euro bald zuende gehen wird. Aber er ist immer noch da, und sogar wieder ein bischen stärker als der US Dollar! Und der vorhergesagte Untergang des US-Imperiums und des Abendlandes lassen weiter auf sich warten!

Seit Jahren wird uns der baldige Crash prophezeit. Aber die Börsen erreichen immer neue Höchststände. Die dummen Pessimisten sind natürlich nicht rechtzeitig eingestiegen, haha!

Die Crashpropheten sollten endlich schweigen. Die ewigen Kassandrarufe sind nur noch lächerlich.

Obwohl das billige Öl bereits zur Neige geht und die Weltwirtschaft unter der Last der Überschuldung ächzt. Sie krankt an schwerem  Fieber und Wahnvorstellungen.

Mit Fieberwahn im Hamsterrad

Immer schneller muss das große Rad gedreht werden. Alle müssen immer mehr Menge, und Umsatz machen, um überhaupt noch Gewinne zu erzielen. Das ist Fieber: jeder Unternehmer sollte sich Sorgen machen, wenn bei steigendem Umsatz immer weniger Gewinn übrig bleibt, wenn mit der Betriebstemperatur der Druck im Kessel immer weiter steigt. Bei den meisten Gütern ist der Produktzyklus weit fortgeschritten, die Zeit der Pioniergewinne ist vorbei. Für fast alles gibt es zahlreiche Anbieter, die überall in der Welt liefern können. In reifen Märkten herrscht Verdrängungswettbewerb, der sogenannte Weltmarkt ist so ein reifer Markt für Rohstoffe und standardisierte, patentfreie Massenware.

Sinkende Gewinne durch höhere Mengen ausgleichen? Wir kennen das aus der Landwirtschaft.

Das Fieber hat auch und ganz besonders die Ölindustrie befallen: Wenn der Erntefaktor sinkt, steigen die Stückkosten. Weil sie steigende Einnahmen brauchen, versuchen Ölgesellschaften und Förderländer den sinkenden Gewinn pro barrel durch höhere Fördermengen zu kompensieren. Wenn das alle machen, muss das Überangebot auf die Preise drücken. Die Gewinne fallen weiter, Investitionen können nicht mehr aus Gewinnen oder Eigenkapital finanziert werden. Investitionen werden gestrichen – oder aus Krediten finanziert. Die Verschuldung der einst reichen Ölindustrie hat gigantische Ausmaße erreicht.

Würden Sie Ihre Ersparnisse in Fracking investieren, das sich nur bei hohen Ölpreisen lohnen kann? Ich nicht. Das höhere Risiko müssten sich Geldgeber  durch höhere Zinsen bezahlen lassen. Mit höheren Zinsen würden sich solche Investitionen in die Erschließung und Förderung neuer Öl- oder Rohstoffvorkommen aber nicht rechnen. Na und? Dann würde das Angebot zusehends knapper werden und die Preise würden die tatsächliche Verknappung abbilden. Bei höheren Preisen würden sich Investitionen irgendwann auch wieder rechnen, auch bei höheren Zinsen. Das wäre eigentlich normal, würde aber überall die Kosten steigen und die ölabhängige Weltwirtschaft schrumpfen lassen. Eine Abkühlung der Weltkonjunktur würde aber schwelende Verteilungskonflikte ausbrechen lassen. Davor haben Notenbanken und Regierungen Angst.

In der langen Schönwetterperiode war Politik ein angenehmes Geschäft, denn man konnte einen stetig wachsenden Kuchen verteilen. Überall in Wirtschaft und Politik haben Schönwetterkapitäne das Ruder übernommen. Sie können gar nicht begreifen, dass der Kuchen nicht ewig wachsen kann.

Wie kann der kleiner werdende Kuchen friedlich verteilt werden?

Das ist mit Schmerzen verbunden. Die Schönwetterkapitäne betäuben den Schmerz mit Drogen. Mal sehen, ob Macron wirklich etwas Neues dazu einfällt….

Deshalb haben die Notenbanken seit 2010 den Geldhahn aufgedreht. Die ölabhängige Weltwirtschaft hängt nun auch am Tropf einer uferlosen Kreditexpansion. Wie wollen die Notenbanken aus der Nummer wieder herauskommen, ohne die Weltwirtschaft sofort abzuwürgen? Es ist wie Methadon bei Süchtigen: Entzugserscheinungen werden mit Drogen behandelt. Die Illusion von Wohlstand durch Konsum soll um jeden Preis erhalten bleiben.

Hier kommt neben dem Fieber der Wahnsinn ins Spiel: der Süchtige hält seinen Zustand für normal. Immer neue Schulden sind nötig, um den Rausch zu verlängern. Das billige Geld liefern die Zentralbanken in Komplizenschaft mit Regierungen und Finanzindustrie. Das aus dem Nichts geschaffene Kreditgeld befeuert das größte Schneeballsystem aller Zeiten.

Jeder weiß, dass man aus Überschuldung nicht herauswachsen kann.

Jeder Unternehmer muss Konkurs anmelden, wenn er überschuldet ist oder seine Schulden nicht mehr bedienen kann. Nur Staaten und Banken meinen sich durch Geldschöpfung selbst aus dem Sumpf ziehen zu können. Die Geldflut zerstört Wirtschaft und Märkte, am Ende sind alle bankrott und werden nur durch den Tropf des Geldsystems am Leben gehalten. Kreditschwemme und Niedrigzinsen in Verbindung mit Mangel an profitablen Investitionsmöglichkeiten können nur zu immer mehr Fehlinvestitionen und Kreditausfällen führen. Die Notenbanken drücken sich vor der Abschreibung notleidender Kredite. Die wachstumssüchtige Welt möchte aufgelaufene Verluste lieber hinter neuen Schulden verstecken.

Freihandel: Beschäftigungstherapie oder Hamsterrad für Wahnsinnige?

In den USA wächst die Verschuldung vier Mal schneller als das Sozialprodukt bzw. Volkseinkommen. In anderen Worten: Jeder Dollar Umsatzwachstum wird mit dem Vierfachen an neuen Schulden erkauft. Die USA schulden der Welt bereits 20 Billionen US $, Tendenz steigend.

Nur ein Wahnsinniger kann Ölsucht, Kreditfäule und fortgesetzte Insolvenzverschleppung für normal halten. Den Wahnsinnigen und Süchtigen mögen eine verrückte Welt als Sanatorium und Opium als Medizin erscheinen. Wer sich einen gesunden Menschenverstand bewahrt hat, sieht in Weltmarkt und Freihandel eher ein gigantisches Hamsterrad für Wahnsinnige. Ein Tollhaus.

Wollen Sie mit lauter Irren in einem Boot sitzen? Ich nicht. Ich steige aus.

Jeder sollte die Freiheit haben, sich mit eigenen Vorbereitungen, Regeln und Grenzen vor dem drohenden Unwetter zu schützen.

Deshalb bin ich für Protektionismus. Lieber heute als morgen. Denn noch scheint die Sonne.

siehe auch:

www.goldseiten.de/artikel/336260–Warum-ein-gigantischer-Marktcrash-laengst-ueberfaellig-ist.html

www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/konjunktur/warum-den-notenbanken-unwohl-ist/story/30044896