Seit einigen Wochen läuft die Petition Reinheitsgebot für Milch! auf change.org. Die Resonanz ist dünn. Ist das verwunderlich?

Massenwirksamkeit erreicht man nur auf der emotionalen Ebene, am besten durch Appelle an Gefühle wie Neid, Angst oder Mitleid.        Die Unterschrift fällt besonders leicht, wenn man selbst nicht weiter gefordert ist.  Erfolgreiche Petitionen verfahren oft nach Art eines Vertrages zu Lasten Dritter: A und B sind sich darüber einig, dass der C etwas tun muss. Appelle an  Vernunft und Eigenverantwortung sind für Petitionen eher ungeeignet. Vom Unterstützer wird verlangt, das eigene Verhalten zu überprüfen. Das macht keiner gerne.

Kritisiert wurde auch, dass der Aufruf sich an Verbraucher und Milchviehhalter richtet, zu den Adressaten aber unbedingt auch Milchverarbeiter und Handel gehören sollten.

Verbraucher, Milchverarbeiter und Handel sind die Profiteure der Milchkrise. Sie haben kein Interesse, den Milcherzeugern zu helfen.

Es wäre Sache der Milcherzeuger und ihrer Verbände, ein Reinheitsgebot für Milch zu beschließen und es mithilfe der Verbraucher bei den Verarbeitern durchzusetzen. Eine BDM-Petition an die Adresse der Milchverarbeiter hätte mehr Gewicht und Aussicht auf Unterstützung durch Verbraucher. Aber die Interessenverbände rufen lieber nach staatlicher Hilfe.

Als Unternehmer suchen Milchbauern die Verantwortung für eigenen wirtschaftlichen Erfolg oder Mißerfolg zuerst bei sich selbst. Die jüngste Milchkrise hat manche Betriebe veranlasst, auf natürliches Futter und Biostandards umzustellen. Viele andere Betriebe haben aufgegeben. Und wieder andere haben das Schlimmste auch ohne Umstellung überlebt. Jeder stellt die Weichen für seinen eigenen Betrieb. Sobald der Leidensdruck nachlässt, wird die Veränderungsbereitschaft geringer. Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.

Die Politik lässt sich nicht lange bitten und hat erkannt, dass Verbrauchern und Wählern das Tierwohl am Herzen liegt. Mit Reizworten  wie “Massentierhaltung” oder “Gentechnik” lassen sich Wähler mobilisieren und Qualitätsstandards durchsetzen. Den Milchviehhaltern mag es recht sein, sofern der Staat die höheren Kosten übernimmt. Dieser Ansatz droht die Abhängigkeit von staatlicher Föderung und Zuschüssen zu zementieren.   Das Mengenproblem wird dadurch allerdings nicht gelöst, es sei denn….

… eine weit gefasste Definition des Tierwohls würde auch die Beschränkung auf das natürliche Futter von eigenen Flächen beinhalten.

Das wäre ja auch GVO-frei. Für den Verbraucher ist ein solches Reinheitsgebot für Milch zu abstrakt. Nach Logik der Interessenverbände werden die Mitglieder für eine solche Selbstbeschränkung allenfalls zu gewinnen sein, wenn es dafür neue Zuschüsse und Förderung gibt. So werden die Milcherzeuger allerdings nicht aus dem Jammertal herauskommen. Lieber BDM, warum macht Ihr den Verbrauchern nicht lieber mal ein Angebot, das den Staat nichts kostet und Eure Mitglieder aus der Abhängigkeit vom Staat ein wenig befreit?

Politik organisiert Mehrheiten und wird deshalb versuchen, Verbraucher zu beglücken, Randgruppen  zu beschwichtigen und möglichst viele Wähler von staatlichen Wohltaten abhängig zu halten. Der Staat kann kein Interesse daran haben, für die Milcherzeuger Mengenbegrenzungen und höhere Erzeugerpreise durchzusetzen. Das soll der Markt richten.

So wird es dabei bleiben, dass der Staat mit immer neuen Auflagen in Märkte eingreift und den Mehraufwand in der Herstellung durch neue Ausgleichszahlungen oder Förderung kompensiert. Die Erzeuger leben weniger vom Verkauf ihrer Produkte als von staatlichen Leistungen und Eingriffen. Mit Marktwirtschaft hat das nichts mehr zu tun, aber für Interessenverbände und Politik ist es der einfachere Weg. Warum? Weil marktkonforme Regelungen oder Qualitätsstandards EU-weit beschlossen werden müssten, und das könnte nach Aussage des Landwirtschaftsministers Jahrzehnte dauern…. Außerdem ist es einfacher, zwischen Erzeugern und Verbrauchern einen Vertrag zu Lasten eines Dritten zu schließen: des Steuerzahlers. Und damit auch das niemand weh tut, bleiben sich alle – Verbraucher, Steuerzahler, Erzeuger und Politik – darüber einig, Finanzierung und Folgekosten auf nachfolgende Generationen abzuwälzen.Von Nachhaltigkeit wird viel geredet, aber das Handeln wird von kurzsichtigen Partikularinteressen bestimmt. Das Hemd ist näher als der Rock. Oder auch: Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht nass.

Gute Milch wird kostbar, wenn sie knapp ist. Staat und EU werden Milch nicht kostbar machen. Die Milcherzeuger und Ihre Verbände müssen das selbst in die Hand nehmen. Mit Krisenmanagement ist es nicht getan – es sollte darum gehen, die Strukturen weniger krisenanfällig zu machen. Das ist der Sinn einer freiwilligen Selbstbeschränkung durch ein Reinheitsgebot für Milch.

Überall zahlt der Kunde für Qualität und Verpackung. Auch Tierwohl und GVO-frei sollten die Verbraucher bezahlen und nicht die Steuerzahler. Meint jedenfalls der einsame Rufer in der Wüste.