Gute milch kostbar machen

Braucht die Landwirtschaft den Weltmarkt?

Bei allen Diskussionen um bäuerliche Landwirtschaft, Qualitätsstandards, Tierwohl, Glyphosat oder um die Zukunft der Landwirtschaft kommt man an der Frage des Außenschutzes nicht vorbei. Die Politik scheut dieses Thema, denn Weltmarkt und Exporte bilden die Grundpfeiler des deutschen Wohlfahrtsstaates.

Die europäische Landwirtschaft erhält Ausgleichszahlungen, mit denen Kostennachteile kompensiert und Weltmarktfähigkeit gewährleistet werden soll.

Wäre der Landwirtschaft mit Außenschutz nicht besser gedient ist als mit Ausgleichszahlungen, die mit jeder neuen Regulierungsmaßnahme nur immer komplexer, bürokratischer und ungerechter werden müssen?

Außenschutz würde bedeuten, den Import von Agrarrohstoffen und Lebensmitteln mit Zöllen zu besteuern, um im Binnenmarkt höhere Erzeugerpreise zu ermöglichen. Die höheren Kosten einheimischer Erzeugung sollen nach diesem Konzept nicht durch Direktzahlungen, sondern durch höhere Erzeugerpreise gedeckt werden.

Durch Entfall der Ausgleichszahlungen würde der EU-Agrarhaushalt entlastet und abgeschmolzen. Anstelle von Ausgaben hätte die EU Einnahmen aus Zöllen.

Wenn Industrie und Verbraucher am Weltmarkt-Credo festhalten wollen, mögen sie das gerne tun. Industrie und Verbraucher profitieren vom weltweiten Einkauf. Arbeitnehmer, Unternehmen und Staat profitieren vom Export.

Die Landwirtschaft profitiert nicht von diesem Geschäftsmodell, im Gegenteil: Ihr Anteil an der Wertschöpfung wird immer geringer, die Wertschöpfung verlagert sich in die vor- und nachgelagerte Industrie. Den Vorteil von Ausgleichszahlungen hat die verarbeitende Industrie, die so zu Weltmarktpreisen im Binnenmarkt einkaufen kann.

Was spricht denn dagegen, die Landwirtschaft aus dieser Abwärtsspirale zu befreien? Es wäre vor allem die Lebensmittelindustrie, die dann höhere Preise für Agrarrohstoffe zu zahlen hätte. Die Verbraucher müssten mehr Geld für Lebensmittel aufwenden. Bisher mussten die Steuerzahler die Kosten von Ausgleichszahlungen und EU-Agrarpolitik berappen.

Weltmarkt – ein Gott, der keiner ist?

Qualitätsprodukte “made in Germany” waren überall in der Welt gefragt, lange bevor der Weltmarkt zum Religionsersatz wurde. Liberalisierung des Welthandels bedeutet, dass der billigste Anbieter überall Marktzugang hat und die Preise versauen kann. Billig anbieten kann nur der, der besonders kostengünstig produziert.

Wenn keine hohen Pachtpreise erwirtschaftet werden müssen, kann man billiger produzieren. Wer Ackerbau auf großen Flächen mit guten Böden und günstigen klimatischen Bedingungen betreiben kann, hat natürlich auch Kostenvorteile gegenüber anderen Standorten. Niedrige Lohnkosten, Sozial- und Umweltstandards sind natürlich auch ein Kostenvorteil.

Aber wie verhält es sich mit Kostenvorteilen, die sich aus besonders rücksichtslosem Umgang mit natürlichen Ressourcen ergeben? Ob Erschöpfung von Grundwasservorräten, Bodenverlusten durch Erosion oder Überfischung für Tierfutterproduktion: die Folgekosten gehen in die Kalkulation nicht ein.

Wenn der Billigste die weltweiten Maßstäbe setzt, hat eine langfristig verantwortliche Wirtschaftsweise keine Chance. Der Billigste ist oft ein armer Teufel, der kurzfristig Einnahmen braucht – um jeden Preis und ohne Rücksicht auf Verluste, weil ihn die Schulden drücken. “Weltmarkt” ist nichts anderes als ein Synonym für ein System rücksichtsloser Ausbeutung. Mit der rasanten Zunahme der weltweiten Verschuldung wird sich diese Ausbeutung beschleunigen.

Industrie und Verbraucher profitieren von billigen Rohstoffen und billiger Energie…

Wir können sie nicht daran hindern. Aber wir können uns dagegen wehren, unsere eigenen Agrarrohstoffe und die auf eigenem Boden gewachsene Energie zu Weltmarktpreisen zu verramschen.

Mit Ausgleichszahlungen hat man der Landwirtschaft den Schneid abgekauft und sie zum Komplizen des industriellen Geschäftsmodells gemacht. Gebt das Almosen zurück und verlangt statt dessen Außenschutz und höhere Preise! Den Futtermittel- und Proteinbedarf werdet Ihr doch auch von eigenen Flächen in Europa decken können, wenn die Preise stimmen? Nur ohne Dumpingimporte kann der Markt entscheiden, was angebaut werden soll.

… Landwirte und Umwelt profitieren von hohen Preisen für Rohstoffe und Energie.

Überall auf der Welt. Fangen wir vor der eigenen Haustüre an – in Europa. Außenschutz muss zur Bedingung für jede weitere Regulierung gemacht werden – auch für ein Glyphosatverbot. Wer glyphosatfrei leben will, sollte Lebensmittel und Vorprodukte auch nicht aus Glyphosatländern beziehen.

siehe auch http://www.bauerwilli.com/das-geschaeftsmodell-und-die-baeuerliche-landwirtschaft/