Wer ist Klaus Alfs?

Wer in der Agrardebatte und bei Agrarbloggern konstruktive Vorschläge sucht, wird selten fündig. Meistens prallen nur Meinungen aufeinander, Schaukämpfe und Polemik haben Unterhaltungswert. Bei Bauer Willi werden immerhin Konzepte entworfen und diskutiert. Klaus Alfs hingegen ist einer, der lieber an der Verhärtung der Fronten arbeitet.

Realisten gegen grüne Spinner?

Da sind auf der einen Seite die, die die Erfolge der modernen Landwirtschaft preisen: Nur dank Mechanisierung, Chemie und Industrialisierung konnten Hunger und Mangel in Europa überhaupt überwunden werden, eine wachsende Weltbevölkerung kann nur von einer durchrationalisierten, auf Effizienz und hohe Erträge getrimmten Landwirtschaft ernährt werden. Die Vertreter dieser Position halten sich selbst für Realisten. Andere Meinungen sind in ihren Augen Ausdruck von Wahn, Träumerei, Kulturpessimismus oder gar Ökofaschismus.

Ein solcher Realist ist der wortgewandte Klaus Alfs. Geschickt und kenntnisreich nutzt er jedes Klischee, das man der Gegenseite anhängen könnte. Da wird von der Kritik an Futtermittelimporten gleich einmal auf Tendenzen zu Abschottung und Ökodiktatur geschlossen, auch die Nazikeule darf nicht fehlen: Die Schließung der „Protein- und Eiweißlücke“ aus heimischer Erzeugung sei ja auch schon den Nazis ein Anliegen gewesen. Lebensreform, Rohkost, Vegetarismus oder „Zurück zur Natur“ – für Alfs ist das alles der gleiche Wahn, Wahn, Wahn. Industrialisierung und Fortschritt sind alternativlos, also einfach weiter so.

Moralisten gegen Wachstumswahn?

Auf der anderen Seite der Barrikade stehen diejenigen, die aus den verschiedensten Gründen meckern und eine andere Landwirtschaft wünschen. Landwirtschaftsferne Verbraucher, die eine romantische Vorstellung von Landwirtschaft pflegen. Idealisten, die verantwortlich leben wollen. Auch Bauern, die sich um ihre wirtschaftliche Zukunft sorgen. Landwirtschaftsnahe Menschen, denen Höfesterben und Verstädterung Sorge bereiten. Nicht zu vergessen die Steuerzahler, denen die Subventionierung der Landwirtschaft nicht gefällt. Natürlich auch lautstarke Weltverbesserer, Tier- oder Klimaschützer, die gegen Agrarexporte oder Massentierhaltung kämpfen.  Vor allem der Moralismus der letzteren macht es den „Realisten“ leicht, jede Kritik und Skepsis unter Ideologieverdacht zu stellen. Moralisten wiederum unterstellen den Realisten Profitgier und Lobbyismus für Industrieinteressen.

O glücklich, wer noch hoffen kann, aus diesem Meer des Irrtums aufzutauchen…
…oder: Ideologie, so weit das Auge reicht.

Tatsächlich gibt es fest gefügte, auf Gefühlen und Kurzsichtigkeit gründende Weltbilder nicht nur im Lager der Agrarreformer. Leute wie Alfs mögen sich mit Bildung und Goethezitat schmücken – sie sehen trotzdem nur die Schatten, die vor dem Eingang ihrer Höhle vorüberhuschen. Die herrschende Ideologie ist so verinnerlicht, dass sie gar nicht mehr wahrgenommen wird: Mit Wachstum, Fortschritt (und Schulden?) ist es doch immer gut gelaufen, also ist dieses Rezept alternativlos.

Bevölkerungsexplosion, Industrialisierung, Wohlstandsmehrung und Ertragssteigerung haben die Wachstumsideologie begründet und immer wieder bestätigt. Wer mag daran erinnern, dass diese Erfolge nur durch eine Explosion des Energieverbrauchs möglich wurden? Wer denkt noch daran, dass Land- und Forstwirtschaft die einzige solide, halbwegs nachhaltige Art der Energiegewinnung ist? Woher soll billige Energie für zehn Milliarden Menschen kommen, wenn die fossile Energie zur Neige geht?

Die industrialisierte Wachstumswelt ist zu hundert Prozent abhängig von Erdöl, Erdgas, Kohle – und von billigem Geld. Im Augenblick scheint das alles noch selbstverständlich und im Überfluss vorhanden zu sein.

Warum überhaupt an morgen oder übermorgen denken?

Deutschland importiert 75 % seines Primärenergiebedarfes. Mit anderen Worten: Drei Viertel unseres Wohlstandes sind von Importenergie abhängig. Wenn diese drei Viertel aufgrund von weltweiter Verknappung und Verteilungskämpfen in Zukunft sehr viel teurer werden oder auch mal ganz ausfallen sollten, werden Not und Mangel zurückkehren.

Dieses Szenario ist gar nicht so unwahrscheinlich, denn eine zunehmend instabile Welt wird mit wachsender Bevölkerung bei schrumpfenden Ressourcen nicht friedlicher werden. In Europa konnten zwei Generationen ohne Not und Kriege aufwachsen. Wer Kinder hat, möchte selbstverständlich, dass das so bleibt. Aber wann hat es das in der Geschichte schon mal gegeben? Bin ich also ein Kulturpessimist?

Unterscheiden Sie noch zwischen Kulturpessimisten und Apokalyptikern, Herr Alfs? Oder ist der rhetorische Erfolg wichtiger als kleine Unterschiede?

Sind Vorsicht und Vorsorge überflüssig geworden? Sollen wir jetzt alle von der Hand in den Mund leben, aus der Substanz oder auf Pump? Wie viele Familienbetriebe müssen noch weichen, damit nur noch große, industrielle Versorgungsstrukturen übrigbleiben? Wie viele Modernisierungsgewinner wird es noch geben, und wo sind sie? Sind es die Millionen Bedürftigen, die sich kein tägliches Schnitzel leisten können? Wie viele Bauern müssen noch aufhören, bis Fleisch billig genug ist?

Mir wäre eine weniger abhängige Landwirtschaft mit möglichst vielen Familienbetrieben doch sehr lieb, nur so als Lebensversicherung für künftige Wechselfälle des Lebens. Optimismus ist schön und gut, aber das 21. Jahrhundert braucht vor allem Energie. Welche Wunderwaffe dürfen wir hier von Euch Realisten erwarten, Herr Alfs?

Und was ich immer noch nicht verstanden habe…

Wie verträgt sich die optimistische Vorstellung von permanenter Ertragssteigerung eigentlich mit dem Gesetz vom abnehmenden Ertragszuwachs? Oder gilt das nicht mehr? Vielleicht kann mir das ein redegewandter Agrar- und Sozialwissenschaftler einmal erklären.

Ach ja – wer Höfesterben und Bauernlegen nicht will, sollte für höhere Erzeugerpreise sorgen. Welche Vorschläge gäbe es denn da von Seiten der Realisten? Aber bitte konstruktive Lösungen, keine Rhetorik.

Scharfmacher der Wachstumsideologen: www.klausalfs.de

Undogmatische Ideenschmiede: http://www.bauerwilli.com/der-umbau/

Professor Bocker – ein Kulturpessimist? https://www.goldseiten.de/artikel/364025–