Einen Leser des Artikels „System Milch“ hat es befremdet, dass der grüne EU-Parlamentarier Martin Häusling hier als sympathischer Biobauer bezeichnet wurde. Viele Landwirte haben tiefsitzende Aversionen gegen die Grünen im Allgemeinen oder einzelne grüne Politiker im Besonderen. Für das verbreitete Zerrbild einer tier-, mensch- und umweltfeindlichen Landwirtschaft machen viele Landwirte die Grünen verantwortlich. Die Fronten sind verhärtet, man denkt in Feindbildern. Ist das kennzeichnend für das Schubladendenken einer verhetzten, durch und durch politisierten Gesellschaft, in der der Einzelne weniger nach seiner Überzeugung oder seinen Taten beurteilt wird als nach seiner Gruppen- oder Parteizugehörigkeit?

Feindbilder bringen uns nicht weiter, sie schaden der Sache.

Sache von liegeboxen.de ist es, gemeinsam mit Milchbauern nach Zukunftsperspektiven zu suchen – für Milcherzeuger und für unsere Kinder.

Wir unterscheiden nicht zwischen Freund und Feind, sondern zwischen kurzfristig und langfristig, abhängig und frei. Wir unterstellen, dass alle Landwirte ein langfristiges Interesse eint: solide zu wirtschaften, damit auch die nächsten Generationen im, vom und auf dem eigenen Land überleben können.

Eines sollte klar sein: eine Wirtschaftsweise, die auf immer höheren Verbrauch fremder Ressourcen angewiesen ist, kann langfristig nicht gutgehen. Bauern wissen aus uralter Erfahrung, dass man nicht dauerhaft über seine Verhältnisse leben kann. Wie überhaupt exponentielle Entwicklungen nicht nachhaltig sein können, auch wenn sie eine Zeitlang hervorragend laufen.

Landwirtschaft, die auf Exportmärkte, Billigfutter und Nährstoffimporte aus Übersee angewiesen ist, wird in neue Abhängigkeiten führen. Außerdem können die anderen das auch, und viele können es billiger.

Die Zeit des Überflusses kann schnell einmal zu Ende sein, dann werden wir einander brauchen. Mir sind Menschen sympathisch, die sich in einer immer verrückteren Welt Sorgen um die Zukunft machen und den eigenen Worten auch Taten folgen lassen.

Weniger sympathisch ist mir die Masse der Fortschrittsgläubigen, der gedankenlosen und gleichgültigen Mitläufer, die die eigene Verantwortung nicht sehen wollen und in den Tag hinein leben. Auf sie stützt sich immer die Macht der Herrschenden.

Warum wird das Pferd immer von hinten aufgezäumt?

Europäische Politik gleicht dem Versuch, das Pferd von hinten aufzuzäumen: in der EU und in den Nationalstaaten wird nach Herzenslust reglementiert und verordnet, aber die daraus entstehenden Kostennachteile für europäische Erzeugnisse werden nicht durch Außenschutz neutralisiert. So wird umwelt- oder klimaschädliche Produktion nur ausgelagert, aber nicht verringert.

Von Martin Häusling erhoffe ich mir eine Antwort auf die Frage, ob und wie Verbraucher, Landwirte und Umwelt vor Billigprodukten aus aller Welt geschützt werden können. Eine Antwort ist zugesagt, ich bin darauf gespannt.

Martin Häusling sieht die Liberalisierung der Agrarmärkte kritisch, das tue ich auch. Natürlich könnte ein Industrieland wie Deutschland nicht nur Rohstoffe, sondern auch Nahrungsmittel dort einkaufen, wo sie am billigsten hergestellt werden können. Natürlich kann Veredelungswirtschaft mit europäischem oder chinesischem Kapital auch dort betrieben werden, wo Soya wächst. Wollen wir das denn?

Liberalisierung ist gut für den, der über Technologie und Kapital verfügt. Freihandel ist weniger gut für die, die allenfalls über Rohstoffe und Arbeitskraft verfügen. Der Westen hat viele Jahrzehnte von Freihandel und Dollardominanz profitiert, aber das könnte sich ändern. Neue Mächte stehen in den Startlöchern, um das Erbe der alten Industrienationen anzutreten. Sie verfügen über Technologie und Kapital und werden Freihandel nutzen, um ihre Interessen durchzusetzen. Das sind in der Regel nicht die Interessen der einheimischen Bauern oder der indigenen Völker.

Der Handel wird hier in keiner Weise verteufelt, blühenden Handel gab es immer auch trotz und mit Zollschranken!

Ich finde, wir sollten Protektionismus nicht immer verteufeln.

aktuell: https://www.topagrar.com/news/Home-top-News-Haeusling-Kommt-Mercosur-zustande-koennen-wir-Rindermast-in-der-EU-einstellen-8937291.html