Wachsen oder weichen – oder: was wächst da noch?

Wachstum ist immer gut, wenn der Ertrag stärker wächst als der Aufwand. Aber bei jedem Wachstumsprozess beginnt der Aufwand irgendwann stärker zu steigen als der Ertrag. Was dann?

Die Erfolge der modernen Landwirtschaft verblassen, die Überwindung von Hunger und Mangel gelten seit Jahrzehnten als ebenso selbstverständlich wie niedrige Preise für Lebensmittel. Landwirtschaft wird in der Öffentlichkeit vor allem als klima- und umweltschädlich wahrgenommen. Über Wert, Nutzen, Aufgabe und Zukunft der Landwirtschaft werden seit Jahren hitzige und emotionale Diskussionen geführt.

Nur selten interessiert das betriebswirtschaftliche Dilemma, dem jeder landwirtschaftliche Betrieb ausgesetzt ist.

Die beispiellosen Ertragssteigerungen der Vergangenheit wurden durch technischen Fortschritt ermöglicht. Wir extrapolieren diese Erfahrungen in die Zukunft und hoffen, dass  es immer so weitergehen kann.  Aber wachsen technischer Aufwand, Technikkosten und Kapitalbedarf nicht bereits schneller als die Erträge? Nach dem Ertragsgesetz wäre das nur natürlich.

In der Jugend, im Frühling wächst alles kräftig und unbeschwert, Energie wird aufgenommen und in Wachstum umgesetzt. Im Sommer, im mittleren Alter, wird der Erhaltungsaufwand schon größer: Hitze, Trockenheit oder andere Stressfaktoren setzen dem Organismus zu und kosten Kraft. Im Herbst, im Alter ist kein Wachstum mehr möglich, Energieaufnahme und Leistungsfähigkeit gehen zurück.

Alle lebendigen Wesen und Vorgänge folgen diesem Zyklus, es ist ein ständiges Kommen und Gehen.

Landwirtschaft im Herbst des Erdölzeitalters?

Um überhaupt noch einen Zusatznutzen zu erzielen, muß immer mehr Geld in die Hand genommen werden. Oder es muss größerer Aufwand betrieben werden, um die Erträge auf hohem Niveau zu halten. Investitionen rechnen sich nicht mehr so leicht wie vor dreißig Jahren, wenn sie sich überhaupt noch verzinsen. Wehe dem, der auf steigende Erzeugerpreise spekuliert: in reifen Märkten mit strukturellem Überangebot bleiben die Preise immer unter Druck, Weltmarktpreise orientieren sich an den niedrigsten Herstellkosten.

Unter den herrschenden Rahmenbedingungen ist Landwirtschaft ein ruinöses Geschäft.

Schlechte Preise und steigende Kosten: Wenn Sie meinen, einen rentableren Betriebszweig entdeckt zu haben, können Sie sicher sein, dass auch Ihre Kollegen weltweit auf den neuen Zug aufspringen werden. Mit der Folge, dass die Investition in neue Betriebszweige wegen des absehbaren Preisverfalls auch nicht aufgehen kann.

Alle müssen versuchen, schlechte Preise mit Mengenwachstum zu kompensieren. Mengensteigerungen sind aber – wenn überhaupt möglich – mit überproportional steigendem Aufwand verbunden. Und mit höheren Mengen steigt wieder der Angebotsdruck…

Ein schwacher Trost: Diese Situation kennzeichnet nicht nur die Landwirtschaft, sondern fast jede Art der Energie- oder Rohstoffgewinnung. Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Aussteigen und das Eigenkapital retten, oder verlustreich  wachsen und das Eigenkapital verlieren. Dank der Geldschwemme der Zentralbanken sind immer neue Investoren zu letzterem bereit. Und so verdrängt das schlechte Kreditgeld das gute Eigenkapital.

Kostensenkung: Eine sarkastische Empfehlung?

„Kostensenkungspotentiale ausreizen“ – diesen billigen Rat mag man gar nicht mehr hören. Was für jeden Unternehmer in solcher Lage eine Selbstverständlichkeit ist, kann kein Ausweg aus dem grundsätzlichen Dilemma sein. Und gegen steigende Kosten durch Auflagen und Vorschriften kann man wenig ausrichten.

Jahrelang war es die Parole des Fortschritts: Wachsen oder weichen! Nun möchten Verbände, Beratung und Politik nicht mehr damit in Zusammenhang gebracht werden, weil das Ergebnis in Gestalt einer  höchst produktiven, industriellen Landwirtschaft und Tierhaltung der Öffentlichkeit nicht gefällt. Politik und Verbände distanzieren sich von der alten Parole, aber:

Das Wachsen oder Weichen wird noch ruinöser werden.

Wo es kein organisches Wachstum mehr gibt, herrscht ruinöser Verdrängungswettbewerb. In reifen Märkten, Branchen, Kulturen oder Volkswirtschaften überleben nur die Kapitalstärksten. Das sind jene, die Zugang zu den unbegrenzten Mitteln der Zentral- und Geschäftsbanken haben. Landwirte gehören kaum dazu. In der Volkswirtschaft aber laufen durch Fehlallokation und Kapitalvernichtung wachsende Verluste auf, die irgendwann abgeschrieben werden müssen.

Der Ruin droht nicht nur der Landwirtschaft, sondern der Menschheit im Allgemeinen.

Noch ein schwacher Trost: Überall in der Welt wachsen Schulden, Aufwand, Umverteilung und Umweltschäden schneller als Einkommen und Erträge. Aus diesem Sumpf kann man nicht herauswachsen, man kann nur immer tiefer hineingeraten. Mit lebensverlängernden Maßnahmen wurde der Sumpf noch einmal zur Blüte getrieben, koste es was es wolle. Aber der Konkurs ist nur aufgeschoben.

Wachsen oder Weichen: Wenn sich nichts ändert, wird den meisten nur das Weichen übrigbleiben.

Wohin mit den Schulden: https://www.goldseiten.de/artikel/367933–